In Zusammenhang mit Evo Morales wird immer wieder der Kokaanbau thematisiert. Die industrialisierten Nationen, allen voran die USA, sind letztendlich die Leidtragenden dieser Produktion. Dabei setzen die Produzenten lediglich die Glaubensgrundsätzen des Markt- und Wirtschaftsliberalismus um. Nach der Zerstörung der Märkte für ihre traditionellen Agrarprodukte durch eine stetig voranschreitende Liberalisierung der Märkte, zogen sie sich nicht in die soziale Hängematte zurück sondern haben ihre Produktion angepasst.
Verdeutlichen möchte ich diese Entwicklung, bedingt durch Markliberalisierung in Verbindung mit massiven Subventionen der Landwirtschaft in den Entwickelten Nationen, an einem Beispiel. Es wird davon ausgegangen, dass es sich um einen typischen Kleinproduzenten ohne Zugang zu modernen chemisch-technischen Produktionsmitteln handelt. Der Bedarf für die Erneuerung des Arbeitsgeräts beträgt ca. 20-30$. Die erzeugte Produktionsmenge wird mit 1to angenommen. Ein typisches Beispiel für Millionen von Kleinbauern:
Some 50 years ago, that cereal farmer received the equivalent of US$30 (at 2001 value) for 100 kg of grain; he therefore had to sell 200 kg to renew his hand tools, clothing, etc., leaving him 800 kg to cover the basic nutritional needs of four persons; depriving himself a little, he could even sell an extra 100 kg to buy a new and more effective farm implement.
Some 20 years ago, he still received US$20 (2001 equivalent) for 100 kg, which meant selling 400 kg to renew his hand tools, leaving 600 kg to feed four persons, but this time inadequately and certainly with no possibility of buying new, more efficient farm implements.
Today, he only receives US$10 for 100 kg of grain, which means that he has to sell 600 kg to renew his equipment, leaving only 400 kg to feed four persons, which is of course impossible. In short, he can no longer fully renew his work tools, modest though these are, or satisfy his hunger and restore his working energy, a situation that in effect condemns him to debt and migration to the under-equipped and under-industrialized urban slums notable for their unemployment and low wages.
PROTECTING SMALL FARMERS AND THE RURAL POOR IN THE CONTEXT OF GLOBALIZATION von Marcel Mazoyer*. Quelle: FAO
Es bleibt, als weiterer Ausweg, der Umstieg auf illegale aber marktfähige Produkte, dies ist nicht moralisch aber entspricht marktangepasstem Verhalten. Ein Grund für die Bekämpfung des Kokaanbaus mag die ungesunde Verteilung von Gewinnen und Kosten dieser Produktion sein. Hier fallen die Hauptgewinne zwar auch in den Entwickelten Gesellschaften an, gleichzeitig gehen aber auch die Folgekosten zu Lasten unserer Gesellschaften und belasten letztendlich wieder die Gewinne und das ist Gift.
Bedeutend günstiger sieht es da bei der Produktion von Landminen aus. Diese produzieren zwar auch Millionen von Opfern, die Folgekosten werden aber von den Gesellschaften der so genannten Dritten Welt getragen, die Produzentenstaaten, dazu gehören nun mal auch Westliche Demokratien, müssen sich lediglich um die Gewinne kümmern – da macht der Markt Spass, nur falls ein gestresster Börsenfuzzi oder abgeschmierter New Economy Loser Mist baut, dann braucht er halt ‘ne Line. So werden beide Märkte weiter existieren und der Preis wird sich schon finden.
Dies ist kein Plädoyer für den unbegrenzten Kokaanbau sondern für die Entwicklung von tragfähigen Alternativen in den Produzentenländern. Etwas mehr Phantasie jenseits von Kampfeinsätzen gegen Kleinbauern. Nur bin ich der Überzeugung dass dieses der Markt nicht leisten kann will.
Ergänzung 16.05.2006
Der Anbau von Koka gehört, wie andere traditionellen Kulturpflanzen auch, selbstverständlich in ein Konzept für eine nachhaltige Entwicklung. Dieser besondere Aspekt wird durch den folgenden Kommentar von che2001 verdeutlicht:
Zum Kokaanbau mal grundsätzlich: Einen Großteil der Droge “ziehen sich die Indios selber rein”, allerdings nicht wörtlich. Es wird beileibe nicht alles zu Kokain verarbeitet, sondern vor allem Cocablätter gekaut, und das ist in Südamerika so verbreitet wie bei uns das Rauchen (und wahrscheinlich wesentlich gesünder). Gekaute Cocablätter haben etwa die Wirkung wie ein starker Kaffee plus eine Schmerztablette (gehen aber nicht dermaßen auf den Magen, wie diese Mischung es tun würde) und werden seit Jahrhunderten von den Indios konsumiert, um sie während der harten Feldarbeit fit zu halten, aber auch als Mittel gegen Migräne. Asthma und Menstruationsschmerzen.
Der totale War on Drugs in Südamerika richtet sich nicht nur gegen die organisierte Kriminalität in Form der Drogenkartelle, sondern auch gegen die Subsistenz-Hausmedizin der Indios, die durch die teuren Produkte der Pharmakonzerne ersetzt werden soll. Man könnte auch sagen: Dow und Merck bomben mit, wenn Cocafelder verbrannt werden. Evo Morales versucht zumindest, aus dieser Falle herauszukommen und will keineswegs einfach so die USA und Europa mit Kokain überschwemmen (was der Leuchtende Pfad wirklich wollte).
Wenn dem aber so ist, warum fördern wir die Nutzung von Koka zur medizinischen Verwendung nicht? Wenn der Aspekt des Kokains außer Betracht gelassen wird so würde eine stärkere Nutzung von Koka als Arznei zwangsläufig zu Einbußen der Pharmaindustrie führen, ich kann nicht abschätzen in welcher Größenordnung sich diese Einbußen bewegen würden aber dennoch muss dieser Gedanke von che berücksichtigt werden. Dieses betrifft nicht nur den Anbau von Koka sondern jede Form einer nachhaltigen Entwicklung der Landwirtschaft in den so genannten Entwicklungsländern. Nachhaltig heißt auch, dass diese Entwicklung auf einem finanzierbaren und angepassten technischen Niveau statt findet – schlechte Voraussetzungen für Hightech Konzerne.
Jules Pretty und Rachel Hine, Universität Essex kommen in einem Untersuchungsbericht zur nachhaltigen Entwicklung auch zu folgender Einschätzung:
There will also be new winners and losers with the emergence of sustainable agriculture on a significant scale. This model for farming systems implies a limited role for agro-chemical companies, who would not be predicted to accept such losses of market lightly. (Reducing Food Poverty with Sustainable Agriculture)
Warum sollten die Pharmakonzerne in diesem speziellen Fall anders reagieren? Die von Prof. Pretty angesprochenen Konzerne sind zum großen Teil eben diese Konzerne z.B. Bayer CropScience.
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*Professor of Comparative Agriculture and Agricultural Development
National Agricultural Institute of Paris-Grignon and the Institute of Economic and Social Development Studies of the University of Paris I – Sorbonne
Interessant finde ich ja auch den Plan des Aga Khan, in Afghanistan Maulbeerbäume anstelle von Mohn anzubauen und an der alten Seidenstraße eine Seideindustrie aufzubauen. Niemand von den amerikanoeuropäischen Mächten ist auf eine solcheIdee gekommen, die zerstören nur Mohnfelder ohne Lebensperspektive für die Bauern.
Hi che,
willkommenhier auf meinem Sideblog wo ich alle Besucher persönlich begrüßen kann. Ist halt noch in Arbeit und im Moment läuft es nicht so wie ich mir das vorgestellt habe, naja mal sehen …
Zu Deiner Anmerkung: Dieses problem gab’s ja bereits im Vietnamkrieg als die US-Army versuchte ein Bergvolk (Meios oder so ähnlich, müßte mal nachschauen – die Erinnerung kann trügen) von Drogenanbau auf kartoffeln umzustellen. Da hatten sie wenigsten noch ‘ne Idee nur am Markt hat es gemangelt und aus betriebswirtschaftlichen Gründen sind die beglückten dann doch lieber beim drogenanbau geblieben – dafür gab es einen riesigen Markt.
Die Idee mit der Seidenproduktion könnte sich da schon eher lohnen.
Test