Kühe sind nicht Lila. Das wissen Sie, das weis ich und ich bin mir sicher das weis sogar Dirk Maxeiner, zumindest sind mir keine Äußerungen in diesem Sinne bekannt. Trotzdem, ein nicht unbedeutender Teil unserer Vorschulkinder sieht das völlig anders, für die Kurzen steht fest: Kühe sind Lila. Punkt.
Diese kreative Anpassung des kindlichen Weltbildes ist bedingt durch eine, zugegeben genauso gut wie sympathisch gemachte, Werbung für Schokolade, die bei kindern auf einen stets aufnahmefähigen Markt trifft. Trotz der Manipulation im Sinne der Absatzsteigerung, kann wohl davon ausgegangen werden, dass diese Werbung keine bleibenden Schäden hinterlässt, zumindest was die geistige Entwicklung unseres Nachwuchses betrifft. Eine Konfrontation mit der Realität durch Erklärung und Anschauung führen im Normalfall zum akzeptieren der Realität: Kühe sind nicht Lila, nein auch nicht Blau-Weiß ungeachtet der Tatsache, dass es eine Rasse gibt die sich so nennt: Bleu-Blanc-Belge.
Das Beispiel zeigt Einfluss, Möglichkeiten und Bedeutung von Werbung bei der Vermittlung von Inhalten und zwar ungeachtet des Wahrheitsgehaltes oder der Plausibilität der Inhalte. Wie gesagt bei der, von uns Allen geliebten Lila Kuh und vielleicht mehr noch bei, der von mir besonders geschätzten Urlaubsvertretung, dem Lila Elefanten ist kein wirklich negativer Impact auf den Einzelnen oder die Gesellschaft im Ganzen zu befürchten.
Etwas anders sieht es aus wenn das beworbene Produkt:
- ohne direkten Nutzen für Gesellschaft und Verbraucher ist
- eventuell mit Gefahren für Gesundheit oder Umwelt verbunden ist verbunden oder verbunden sein könnte
- keinen aufnahmefähigen Markt vorfindet, weil es vom potentielle Verbraucher aus vorgenannten Gründen abgelehnt wird
- mit einer vom Verbraucher abgelehnten Produktionsweise erzeugt wird.
Damit würde es sich letztendlich um ein Produkt handeln, dessen Gleichgewichtspreis, nach den immer zitierten Marktgesetzen, bei einem Wert von ca. 0 liegen dürfte, somit von der unsichtbaren Hand des Marktes schnell sichtbar in die Unsichtbarkeit befördert werden würde. Normalerweise wäre die Geschichte hier zuende, wären da nicht noch die verschiedenen Interessen der tatsächlichen oder potentielen Produzenten und Kapitalgeber, die auf Rückfluss und Verzinzung getätiger oder vielleicht möglicherweise in Zukunft getätigten Investitionen nicht verzichten möchten. Also muss ein Markt her, koste es was es wolle – solange diese kosten von Anderen getragen werden.
Ein sehr schönes Beispiel hierfür ist die Vermarktung der Gentechnik, wobei diese noch aufs Engste mit der Durchsetzung eines Grenzenlosen Marktes verknüpft ist, zunehmend entsteht der Eindruck, dass das Neo-Liberale / Neo-Conservative Weltbild mit der Durchsetzung der Gentechnik steht oder fällt.
Die folgenden Ausführungen zur Durchsetzung von Interessen im Bereich Agrarindustrie und Biotechnologie (besonders Gentechnik, insofern wäre mir der Begriff Bioengineering lieber) basieren auf einem faszinierenden Text der Kanadischen Wissenschaftlerin E. Ann Clark zur Veränderung und Missbrauch der (akademischen) Sprache im Dienste eben dieser Interessen. Ann Clark:
Academics generally take pride in making effective, articulate, well-reasoned arguments. Skill in both written and oral expression reflects an in-depth understanding of the nuances of thelanguage of choice. Increasingly, however, language is being misused by some academics, intentionally and overtly, to achieve goals at variance with those of academia.
I speak of the encroachment into academia of a genre of discourse which I will call‘doublespeak’, a term which will be explained below. Evidence of the widespread adoption of doublespeak as standard policy by industry and government will provide a foundation for more detailed coverage of its adoption by some professors, and more alarmingly, by students undertheir guidance.
Der Hinweis auf die derzeitige Studenschaft, Absolventen und junge Wissenschaftler scheint mir von besonderer Bedeutung, in der Welt der Weblogs gibt es genügend Anschauungsmaterial – sowohl von Lernenden wie auch von Lehrenden. Beispiele von Artikeln und Kommentaren die diese Elementeder Sprachmanipulation enthalten werde ich anderer Stelle noch zitieren, Beispiele die ein Ahnung davon vermitteln, wie der Einfluss dieser „Neuen Sprache“ auf die Bildung die zukünftige Gesellschaft als Ganzes formen wird.
I focus specifically on the students, because their involvement illustrates theprogressive, pervasive infiltration of the values of the proponents of doublespeak into Canadian universities. The values borne by these doublespeak apprentices will influence not simply the future professoriate, but the place of academia in society in general. — Industry and Academic Biotechnology: teaching students the art of Doublespeak By E. Ann Clark, Plant Agriculture, University of Guelph (Anmerkungen zum Copyright siehe unten)
Der Begriff Doublespeak geht auf die Begriffe Newspeak und Doublethink in George Orwells 1984 zurück, nach E. Ann Clark ergibt sich der Begriff Doublespeak durch Kombination der Elemente beider Begriffe:
The term ‘doublespeak’, as used in this paper, draws inspiration from the terms Newspeak and Doublethink coined in Orwell’s chillingly prescient novel, 1984.
Newspeak is intended to replace conventional English (Oldspeak), by allowing only words that pertain to proper thoughts. Screening the dictionary regularly to eliminate undesirable words – words which might have unorthodox meanings – was expected to control thought itself.
Doublethink is an ideology of acceptance of intentional and perpetual fabrication. Everything is subject to continual revision and reinterpretation by the Ministry of Truth, inculcating the citizenry to acknowledge contradiction as a normal part of life.
Doublespeak. The new term doublespeak combines these two terms, as:
Doublespeak: expression intended to deceive, to mislead, and to control, using not simply words but orchestrated strategies of contradiction. (E. Ann Carter 2002)
Die Umsetzung der Interessen mittels angepasster Sprache mit Hilfe von Public Relation, hier müssen auch die diversen Think Tanks mit einbezogen werden, wird als bekannt vorrausgesetzt, ich verweise nur ganz allgemein auf das Bestreben der Kontrolle von Öffentlicher Meinung (Zugang zu Informationen) aber auch Regierung und Administration durch Interessen zur Maximierung des eigenen Nutzens.
Hinreichend bekannt sein dürfte der Fall Monsanto gegen Percy Schmeiser, einem Kanadischen Raps Farmer, der von Mansanto beschuldigt wurde die Patente der Firma Monsanto zu verletzen. Zwei von Monsanto angeheuerte PR Spezialisten versuchten die Kontrolle über den Zugang der Öffentlichkeit zu Informationen dadurch zu erreichen, dass sie unter anderem:
- Pressegespräche in den Verhandlungspausen führten und die jeweilige Monsanto Version verbreiteten
- die Version des Hauptzeugen von Monsanto direkt nach der Aussage aber vor dem Kreuzverhör veröffentlichte
E. Ann Carter führt die heutige Form des Doublespeak in wesentlichen Teilen auf den Neffen von Sigmund Freud und Vater der PR, Edward Bernays, zurück:
Much of the art of contemporary doublespeak traces back to Edward Bernays [..] reportedly, a man of enormous ego and incessant self-promotion. Among his many lasting contributions was a book published in 1928, unabashedly entitled Propaganda. A quote gives both the flavor of the man and the foundational assumption of the contemporary doublespeak industry:
“The conscious and intelligent manipulation of the organized habits and opinions of the masses is an important element in democratic society. Those who manipulate this unseen mechanism of society constitute an invisible government which is the true ruling power of our country…” (cited from Rampton and Stauber, 2002)
Schematische Darstellung zweier Kampagnen als Beispiele der Unsetzung, eine Edward Bernays selbst und eine aus unserer Zeit (click2enlarge)
Das Timberland Debakel
Das folgende Beispiel gibt einen sehr guten Überblick über die Gesamtmaßnahmen der PR Firma Shandwick New Zealand zur Umsetzung und Wahrung der Interessen des Auftragsgebers Timberlands West Coast Ltd. (Hager and Burton, 1999). In diesem konkreten Fall handelt es sich um ein Forstwirtschaftliches Unternehmen, im Besitz der neuseeländischen Regierung und verantwortlich für den Einschlag alter Waldbestände an der Westküste der Südinsel Neuseelands. Da dieser Einschlag von Umweltaktivisten bekämpft wurde, entwickelte die PR Firma ein angepasstes Instrumentarium zur Brechung des Widerstandes. Einblick in vertrauliche Dokumente ermöglichten eine exakte Dokumentation dieser Maßnahmen der sich über 8 Jahre erstreckenden Kampagne (Vergl.: E. Ann Carter 2002):
Summary of the documented doublespeak tactics employed by Shandwick on behalf of Timberlands in an 8-year anti-environmentalist campaign (adapted from Hager and Burton, 1999)
- attempt to discredit and marginalise opponents publicly, using specific value-laden words such as ecoterrorist, misinformation, and extremist
- send ‘moles’ to attend conservation group meetings to source information/discredit them
- photograph and videotape participants in anti-logging protests, and track, monitor, and respond to every letter to the editor, public comment, or innuendo; always ‘have the last word’
- threaten protesters with legal action (analogous to SLAPPs* used in the US)
- seek to identify financial weaknesses in critics and undermine sources of funding
- screen journalists writing unfavorable articles and apply pressure/complain to editors; provide lavish opportunities for site visits to sympathetic journalists and politicians
- write school principals whose students were involved in a protest, threatening legal action
- pressure an environmentalist academic/complain to vice-chancellor of her university; provide modest funding to other academics, then employ them for credibility (see Third Party Technique, below)
- create a front group, to appear to represent community interests; fund a range of community activities, especially sporting events, to generate public support
- ghost-write letters to the editor, to be signed by local residents
- exaggerate statistics on logging and employment
- physically destroy a treetop protest site by helicopter, to intimidate protestors
- repeatedly remove protester graffiti, each time it reappears
- divide and conquer environmental groups/misrepresent importance of those sympathetic to the cause
Lösen wir uns von dem konkreten Fall so können wir diese Vorgehensweise auf allen Ebenen und zu allen Projekten mit negativem Impact feststellen. Begriffe wie Ökoterrorist oder auch Ökoimperialismus können Sie auch hier in Klein-Bloggersdorf finden. Das Diskreditieren des Gegenübers durch Verwendung von emotional aufgeladenen Begriffen ist z.B. eine Spezialität von Maxeiner & Miersch (Die Welt, achgut.de) und auch der Journalisten aus dem Hause Thomas Deichmann (NOVO). Nur als Beispiele:
- Hungern mit Hipp
- Gutmenschentum nach Gutsherrenart. Auch dafür steht Herr Hipp mit seinem Namen.
- Stichwort Golden Rice: 50.000 Kinder könnten jährlich vor dem Erblinden gerettet werden wenn.. (=Kindermörder),
- mit den Methoden von Herrn Hipp wären bereits in den 70ern Millionen von Menschen verhungert… (=Genozid),
- der ominöse Sack mit Saatgut der in einen Atomreaktor abgestellt wird um Mutationen zu erzeugen … (=Instrumentalisierung der Angst vor radioaktiver Strahlung) und viele mehr.
Das Bedenkliche in meinen Augen ist, dass man diese hanebüchenen Aussagen dann unreflektiert im Kommentarbereich vorfindet, zum Beispiel HIER und weitere Beispiele werde ich entsprechend der Obenstehenden Liste noch aufzeigen, Punkt für Punkt soweit sie nicht durch die weiteren Artikel zu diesem Text von Ann Carter abgedeckt werden.
Der nächste Artikel befasst sich mit der Third Party Technique: “to put your words in someone else’ mouth”
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*Strategic Lawsuits Against Public Participation
E. Ann Clark. 2002. Industry and Academic Biotechnology: teaching students the art of Doublespeak Plant Agriculture, University of Guelph
Hager, N. and B. Burton. 1999. Secrets and Lies. The Anatomy of an Anti-Environmental PR Campaign. Common Courage Press, Monroe, ME 288 pp
Rampton, S. and J. Stauber. 2001. Trust Us, We’re Experts. Jeremy Tarcher/Penguin Putnam Inc. 360 pp.