Die Gründung des Handelsbündnisses zwischen Venezuela, Bolivien und Kuba vergangene Woche und die Verstaatlichung der Öl- und Erdgasförderung in Bolivien bringen mich zu folgenden grundsätzlichen Fragen:
- Was kann eigentlich Kuba zu dem Handelsbündnis beitragen
- und gibt es Entwicklungen auf Kuba die speziell für Bolivien im Kampf gegen Armut, Hunger und Unterentwicklung hilfreich sein könnten.
Da ich mich seit langen mit den Perspektiven der Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung befasse konzentriere ich mich bei der Erörterung der Fragen auf die Entwicklung der Kubanischen Landwirtschaft woraus sich später eine Differenzierung der grundsätzlichen Fragen ergeben wird. Da ich nicht weis inwieweit meine Leser mit der Thematik vertraut sind ein paar einführende Worte zur bisherigen Entwicklung.
Die Auflösung von Ostblock und RGW führten für Kuba zum Verlust des bis dahin wichtigsten Handelspartners. Die Sowjetunion war sowohl Zulieferer von Produktionsmitteln wie auch Abnehmer der Produkte, im wesentlichen Zucker, zu preisen weit über dem Weltmarktniveau. Man könnte auch sagen Kubas Landwirtschaft wurden von einem zum anderen Augenblick die Subventionen entzogen. Die bis zu diesem Zeitpunkt auf hohem Input und auf Export ausgerichtete Landwirtschaft musste umstrukturiert werden.
Seit 1989/90 begann die Umstellung hin zur verstärkten Produktion von Lebensmittel für den eigenen Binnenbedarf, Devisen für eine Beibehaltung des hohen Verbrauchs an Dünge- und Pflanzenschutzmitteln fehlte und daraus ergab sich die zwangsweise Umstellung in Richtung auf eine (teil)ökologischen Landwirtschaft. Die Gegner jedweder ökologischen Landwirtschaft hatten sicherlich ihre helle Freude bei den katastrophalen Auswirkungen auf Flächenerträge und Gesamtproduktion.
Kuba stürzte buchstäblich ab, fiel in eine Phase des Mangels und der Unterernährung weiter Bevölkerungsteile zurück, die Bilder der Flüchtlinge dürften dem Einen oder Anderen noch gegenwärtig sein. Verschärft wurde die Versorgungsknappheit durch die fehlenden Devisen, so dass auch das Gesundheitssystem stark in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Versorgungsengpässe gehen immer einher mit Schwarzmärkten und erst die Reform der zentral geplanten und zum großen Teil in Staatsfarmen organisierten Landwirtschaft schuf langsam, sehr langsam Abhilfe. Die Staatsfarmen wurden aufgeteilt, ohne Übertrag von Eigentumstiteln, Genossenschaften und Kleinbauern erhielten die Möglichkeit eigenverantwortlich zu wirtschaften und dieses schließt die Vermarktung mit ein. Parallel zur Reform auf dem „platten Land“ kam eine Einrichtung von Farmen direkt in den Stadtgebieten (Urban Farming) mit angeschlossener Selbstvermarktung wodurch eine erhebliche Verbesserung der Versorgungssituation erreicht wurde.
Vergleicht man heute die Nutzung der Flächen, so ist festzustellen, dass der Anbau von Zuckerrohr zunehmend in den Hintergrund tritt und parallel dazu der Anbau von Gemüse und Früchten zunimmt, im Exportsektor dürften Bioprodukte in Zukunft eine wachsende Bedeutung erlangen, seit vergangenem Jahr sind die ersten Bio-Produkte aus Kuba auf dem Europäischen Markt zu finden. Neben Zucker vor allem Zitrusfrüchte und ähnliches.
Kann das die Zukunft sein:

Photo: Exner/Jarnagin (cuba study trip siehe unten)
Schwierige Frage aber es ist sicher keine Zeitverschwendung sich auch mit diesem Modell auseinander zusetzen. Insgesamt kann gesagt werden, dass kleinere Betriebe im Vergleich zu Großbetrieben, insgesamt leistungsfähiger sein können – was noch zu belegen wäre. Wer sich an der rückständigen Traktion stört, möge bitte bedenken, dass
- von den über 1Mrd landwirtschaftlichen Betrieben mehr als 400Mill „real small farmers“ sind und das heißt mit einer Fläche von weniger als 2HA
- von den über 800 Mill. Unterernährten weltweit mehr als 560 Mill. aus dem ländlichen Bereich stammen – Bauern in Lumpen – plus ca. 140 Mill. die zeitweise, auf Suche nach Zuerwerb in die Städte abwandern.
Für diese Menschen müssen Modelle entwickelt werden die sowohl die Arbeit erhalten als auch die Produktion erhöhen und da hilft vernünftige Technisierung auf niedrigem Niveau vielleicht mehr als Hightech auch wenn 300PS unterm Hintern und ein 12m Kultivator ein geileres Gefühl sind als ein Hackenpflug mit Ochsenbespannung.
Dienstag Demnächst geht’s weiter mit Fakten und Zahlen.
Lesetip 1: Cuba Study Trip. Bericht von einer Exkursion nach Kuba, kurz und informativ, Schnupperkurs, sehr persönlich und mit vielen Fotos. Hauptseite: PIF – Practical Farmers of Iowa
update:
14.05.2006: Entwicklung der Landwirtschaft auf Kuba bis 1989/90 – Das Recht auf angemessene Ernährung