Nach jedem Krieg, nach jeder Schlacht, jeder Katastrophe – Naturkatastrophe oder vom Menschen induziertes Desaster – das immer gleich Ritual: Body Count. Jetzt kommt die Stunde der Statisten, Sesselpupser und Statistiker. Menschen, Gesichter und persönliche Geschichten, werden in Gesichtslose Statistiken gepresst und analysiert. Getötete Gegner, getötete Zivilisten, oft in der ersten Kategorie versteckt, eigene Verluste, Zahlen, Relationen und Kosten je getöteten Gegner.
Wer zählt eigentlich die Opfer der Globalisierung, wer zählt die Opfer des Krieges um den grenzenlosen Markt und wer berechnet die Gewinne pro Opfer? Wie wirkt sich ein vertriebener oder erschlagener Kleinbauer in Brasilien, der damit dem Anbau von weltweit marktfähigen Produkten nicht mehr im Wege steht, auf die Verzinsung des Internationalen Kapitals aus?
An diese Marginalisierten der Globalisierung, Opfer der neoliberalen Wirtschaftsideologie, erinnerte der Protest der 700 Landlosen am 07.06.2006 in Brasilien. Che2001 hat bereits am Mittwoch auf diese Demonstration der „Boias Frias, die Kalten Töpfe, wie man sie aus gutem Grunde nennt“ hingewiesen. SPON vermerkt dazu, dass in dem Kampf um Land in Brasilien seit 1985 über 1000 Menschen ermordet wurden. Nach SPON forderten die Vertreter der Landlosenbewegung MSLT die Einhaltung der Versprechungen der Regierung Lula in Hinblick auf eine Landreform.
Bei Regierungsantritt hat Lula versprochen eine Landreform in die Wege zu leiten: Bis Ende 2006 sollten 400.000 Landlose angesiedelt werden. Lula tat damit einen Schritt in die richtige Richtung nur mit der Umsetzung des Programms hapert es, bis Ende 2005 waren maximal 120.000 Neuansiedlungen erfolgt, hochgerecht auf den angesprochenen Zeitraum wird damit noch nicht einmal die Hälfte der versprochenen Zahl erreicht.
Bei einer Zahl von fast 5 Mio. Familien ohne eigens Land nicht mehr als ein Tropfen auf einen Heißen Stein. Wird diese Bilanz um die Zahl der jährlich von ihrem Besitz vertrieben Kleinbauern korrigiert so ergibt sich in der Summe im günstigsten Fall ein Nullsummenspiel. Jährlich werden mindestens 40.000 Kleinbauern Opfer der Vertreibung durch Großgrundbesitzer, sie müssen der Ausdehnung des Anbaus von Weltmarktfähigen Produkten insbesondere Sojabohnen weichen.
Besagter Tropfen auf den Heißen Stein – einfach weggewischt von der unsichtbaren Hand des Marktes, zig Tausend Menschen vertrieben und in die absolute Armut befördert. Verschwinden von der Bildfläche – wenn sie denn je wahrgenomen wurden – und tauchen irgendwann wieder auf, zum Beispiel im Amazonasbecken, dort versuchen sie durch Brandrodung ein Stück Land zu ihrer Existenzgrundlage zumachen oder sie tauchen auf als Namenlose Insassen der modernen Lager des Neoliberalismus: Den ausufernden Elendsvierteln der großen Städte.
Das Programm von Präsident Lula ist ein Schritt in die richtige Richtung – ohne Umsetzung wird seine Präsidentschaft zur Randnotiz verkommen, ein weiterer Hoffnungsträger verbrannt. Andere machen es hoffentlich besser und konsequenter:
Viva Morales.
Siehe auch:
Wer ist hier TerroristIn? – Lateinamerika Nachrichten
Das Null-Hunger-Programm der Regierung Lula Für KoBra von Kirsten Bredenbeck, August 2005
Landless storm Brazilian Congress BBC News
Übrigens, auch die Opfer der Globalisierung werden gezählt, sie werden gezählt im Auftrag derer die sie verursachen. Sie werden gezählt, propagandistisch bearbeitet und neu zugewiesen. Verantwortlich für die Toden des Neoliberalen Wirtschaftskrieges gegen die Armen der Welt sind dann Globalisierungsgegner, Umweltbewegungen, so genante Öko-Terroristen und Öko-Imperialisten – Alle die auch gerne unter dem diffamierenden Begriff Gutmensch subsumiert werden.